Töne Mannheims Klassik
Wenn man heute vom typischen Mannheimer Sound spricht, hat man
automatisch deutschsprachigen Soul-Pop im Ohr. Xavier Naidoo, ob solo
oder mit seinem Bandprojekt Söhne Mannheims, prägt das Bild, seit er
1995 mit „Save You“ aus dem Musical „Human Pacifi c“ zumindest regional
einen Radio-Hit landete. Zahlreiche Platzierungen an der Spitze der Charts
machten den Lokalpatrioten seitdem neben Herbert Grönemeyer zum
dominierenden deutschen Popkünstler der Gegenwart.
Unabhängig davon hat sich der Deutsch-Iraker Laith Al-Deen seit dem Jahr
2000 und seinem Ohrwurm „Bilder von dir“ bundesweit etabliert. Ihn und
Naidoo verbindet der Mut zu einem hochemotionalen, expressiven Vokalstil,
der wiederum auf zwei Mannheimer Traditionen aufbaut:
MANNHEIMERPOP
von J.-P. Klotz
Denn Rock- und Pop-Sänger der Mannheimer Szene klangen meistens so,
als ob im Rhein-Neckar-Delta Mississippi und Missouri zusammenfl ießen
würden. Angefangen bei Joy Fleming, die seit ihrem
legendären Auftritt mit Joy &
The Hit Kids im Vorprogramm
der 1969er-Tour von Janis
Joplin als „deutsche Ella
Fitzgerald“ verehrt wird. Ihr
„Neckarbrückenblues“ – eine
tiefe Verbeugung vor der
‚Mannemer’ Mundart war
lange vor „Meine Stadt“ von
den Söhnen Mannheims eine
der inoffi ziellen Hymnen der
Quadratestadt.
In direkter Nachfolge Joy Flemings steht die
ebenfalls an Blues und Soul geschulte Stimme
Julia Neigels. „Schatten an der Wand“ (1987)
war bis dato der größte Hit der Mannheimer
Szene und „Töne Mannheims“ daraufhin
en vogue, wie die anschließenden Erfolge
von Six Was Nine („Drop Dead Beautiful“),
Schauspieler Uwe Ochsenknecht („Only One
Woman“) oder von Mannheims Adoptivsohn
Sidney Youngblood („If Only I Could“) belegen.
Auch der Karlsdorfer Edo Zanki kam jetzt
zu der Anerkennung, die er als Pionier
deutschsprachigen Soulgesangs längst
verdient hätte – seine Uptempo-Nummer
„Gib mir Musik“ konnte sich 2001 als All-
Star-Star-Single mit Xavier Naidoo, Rolf
Stahlhofen und Sasha im Rhythmus-Boot in
den Top 50 platzieren.
In dieser Tradition stehen auch junge Musiker wie Groove
Guerilla, Momentaufnahme, W4C oder Falk, die sich
das Handwerkszeug für die Karriere teilweise an der
Popakademie Baden-Württemberg geholt haben.
Produzent Pit Baumgartner geht mit De-Phazz einen etwas
weniger bodenständigen Weg, während die Mardi Gras.bb
vielleicht den archetypischsten Delta-Sound aus allen Stilen
schwarzer Musik destilliert.
Neben dieser von Jazz, Blues und
Soul dominierten Entwicklungslinie aus
den „Ami-Clubs“ gibt es einen zweiten
beherrschenden Einfl uss in der Mannheimer
Rock- und Popmusik: Die Lust an der klaren
Struktur lässt sich von der Mannheimer
Schule über den Jazz à la Wolfgang Lauth
bis zur Rockmusik der 70er und sogar
bei den Söhnen Mannheims ablesen, die
immer wieder Klassik-Elemente in ihre Songs
einbinden.
Joy Unlimited (Klaus Nagel, Roland Heck, Gerd Köthe, Dieter
Kindl, Hans Herkenne, Albin Metz, Hans Lingenfelder (später:
Ricky King) und zunächst auch noch Joy Fleming) verbinden
in den frühen 70ern die klassischen Wurzeln der Musiker mit
der Leidenschaft für Avantgarde-Rock. Nach dem 1970er-
Album „Overground“ komponieren sie die Musik zu drei
Rock-Jazz-Ballett-Stücken.
GROOVE GUERILLA
ROLF STAHLHOFEN
ÄHNLICH ERFOLGREICH:
Der Keyboarder und Komponist Peter Seiler mit seinem Projekt
Tritonus oder Michael Bundt. Bands wie Kin Ping Meh, Nine
Days Wonder, Hans Reffert und später Sanfte Liebe sorgen
für eine wahre Mannheimer Krautrock-Blüte. In dieser Zeit
werden Musiker wie Gagey Mrozeck (später u.a. Produzent
des The Flames-Hits „Everytime“), Alfred Kritzer oder Armin
Rühl sozialisiert, die zum Teil seit Jahrzehnten das Rückgrat der
Grönemeyer-Band bilden – „Töne Mannheims“ sind also auch in
Bochum ein Thema. Und nicht nur dort...