Töne Mannheims Klassik
Man könnte bis in die Ewigkeit darüber streiten, ob die Musik
der „Mannheimer Schule“ es aufnehmen kann mit den Werken
namhafter und großer Komponisten, von Joseph Haydn und
Wolfgang Amadeus Mozart bis hin zu Ludwig van Beethoven,
der so etwas wie der Vollstrecker der Klassik war, oder ob es
sich tatsächlich, wie einige ketzerisch meinen, schlicht um
schlechtere, minderwertigere Musik handelt. Das Urproblem
der „Mannheimer Schule“ war und ist, dass ihre Komponisten
so etwas wie Schwellenmusik produziert haben. Das Zeitalter
des Barock mit seinem von unten thronendem Generalbass
war weder ganz vorbei noch ganz vergessen, und die
ungeschriebenen harmonischen und melodischen Gesetze
der Klassik waren genauso wenig präsent wie die formale
Ausrichtung an den architektonischen Symmetrien des
antiken Griechenlands.
KURPFÄLZISCHES KAMMERORCHESTER
Wie hätte sich die Kunstmusik des Abendlandes
entwickelt, hätte es nicht Mannheim, den
Kurfürsten Carl Theodor und seine Hofkapelle
gegeben? Die Frage, die so großspurig
daherkommt, hat Berechtigung, kann man
doch ohne - oder fast ohne - Lokalpatriotismus
behaupten, maßgebliche Akzente für die Wiener
Klassik und die auf sie folgende Romantik seien
von der so genannten „Mannheimer Schule“
ausgegangen.
In dem von 1743 bis 1780 wohl besten Orchester
Europas saßen die versiertesten Orchester- und
Instrumentalspezialisten, allen voran der Geiger
Johann Stamitz, der als geistiger Stifter der
Mannheimer Orchester, vor allem aber auch
der Mannheimer Kompositionsschule gilt. Des
Weiteren wirkten in dem größten Ensemble
des 18. Jahrhunderts mit Ignaz Holzbauer,
Christian Cannabich, Franz Xaver Richter und
Georg Joseph Vogler nicht nur hervorragende
Musiker und Kapellmeister, sondern auch
intelligente Theoretiker und Komponisten.
Sie bastelten an der Abkehr vom barocken
Generalbass, entdeckten, dass Bläser im
Orchesterklang nicht nur Klangfarben,
sondern auch Melodien erzeugen können,
lösten die barocke Terrassendynamik durch
das Crescendo und Decrescendo ab und
entwickelten so eine neue ausdrucksstarke
Orchestersprache.
FRANZ MAZURA SELBST MOZART WAR BEEINDRUCKT.
Selbst Mozart, der Mannheim viermal besuchte
und insgesamt 176 Tage in Mannheim weilte, war
beeindruckt. Heute geht man davon aus, dass Mozart
in Mannheim wesentlich in seinem kompositorischen
Denken geprägt wurde. Das hinterließ später auch
Spuren in Wien.
Obwohl die Töne, Klangfarben und das ganze Werkdenken der „Mannheimer
Schule“ damals neu waren, obwohl etwa das berühmte auskomponierte
Orchester-Crescendo nahezu revolutionär war und obwohl auch Mozart
sowohl von der Mannheimer Hofkapelle als auch von den Kompositionen
ihrer Musiker schwer beeindruckt war, haben es all die Sinfonien, Opern und
anderen Werke von Stamitz und Co. nach wie vor schwer.
AUF DEN PROGRAMMEN DER KONZERT- UND OPERNHÄUSER
SIND SIE NUR ALLZU SELTEN ZU FINDEN.
Umso wichtiger scheint es, dass sich die Stadt Mannheim, ihre Bürger, ihre
Klangkörper und Solisten mit dem Phänomen beschäftigen. Denn wie man
weiß, braucht manche Musik das mehrfache, das vielfache Hörerlebnis, bis
man sie schätzen und vielleicht sogar lieben lernt. Es gibt Werke, die einen
mit offenen Armen anspringen wie beispielsweise Mozarts späte Sinfonie in
g-Moll, Beethovens fünfte Sinfonie oder Mendelssohns vierte, die so genannte
„Italienische“. Die Werke der Mannheimer Komponisten springen einen nicht direkt
an. Aber wenn man sie immer wieder hört, erkennt man in ihnen den Drang, die
Welt zu verändern. Mit Tönen. Den Tönen Mannheims.