Töne Mannheims Klassik
Schuld sind die Amerikaner. Sie brachten
nach dem Zusammen-bruch der NSDiktatur
neue Klänge nach Deutschland:
die Sounds und Rhythmen des Jazz. Für
eine ganze Generation von Mannheimer
Musikern wurden die neu entstandenen
GI-Clubs zur heimlichen Musikakademie, in
der Nacht für Nacht Jazz geprobt, praktiziert
und gelebt wurde. Dieser transatlantische
Kulturtransfer fand in Mannheim einen
besonders fruchtbaren Nährboden. Die Stadt
mauserte sich in den 50er Jahren zu einer
Jazz-Metropole.
Die Sängerin Caterina Valente feierte, bevor
sie sich in einen internationalen Popstar
verwandelte, hier ihre ersten Erfolge als
Jazzsängerin. 1954 zog sie von Paris nach
Mannheim, wo sie zwei Jahre lang lebte
Zweimal, 1955 und 1956, wählten ihn die Fans zum Jazzmusiker des Jahres.
Seine reizvoll prickelnde, heißkalte Mischung aus Modern Jazz und Alter Musik,
aus Bebop und Barock traf den Nerv eines großen Publikums. Mit einem ähnlichen
Konzept feierte auch der Saxofonist Jochen Brauer, den es 1954 aus der DDR
nach Mannheim verschlug, Erfolge. Er ließ die heiße Energie der Jazzimprovisation
in Kontrapunkt- und Fugenformen abkühlen.
Der erste, der schon kurz nach dem Krieg als Jazzmusiker für Furore gesorgt
hatte, ist aber der 1984 verstorbene Hans „Dottler“ Laib. Auch er spielte
zunächst „cool“, blies aber dann ein energiegeladenes, schwarz klingendes
Tenorsaxofon. Die Legende will es, dass Lionel Hampton ihm 1956 das Angebot
unterbreitet haben soll, in seiner Big Band einzusteigen. „Dottler“ aber blieb
in Mannheim und fand nie die überregionale Anerkennung, die ihm eigentlich
zugestanden hätte.
Ein anderer, nicht minder bluesgetränkt spielender Saxofonist wurde ebenfalls in
den 50er Jahren bekannt: Fritz Münzer. Seine Bands, in die er immer wieder junge
Musiker aufnahm, wurden zu einer Schule für zahllose nachfolgende Musiker-
Generationen. Zu Recht gilt Münzer als „Daddy“ der heutigen Mannheimer
Jazzszene.
Für eine Renaissance sorgten in den 80er Jahren der Pianist
Wolf Mayer und der Saxofonist Rainer Pusch. Beide zählten
zu den ersten Deutschen, die
Jazz in den USA studierten.
Nach ihrer Rückkehr belebten sie
die Mannheimer Szene neu mit
modernem, von John Coltrane und
Bill Evans geprägtem Mainstream-
Jazz. Pusch und Mayer gründeten
die heute noch existierende
Musikerorganisation IG Jazz und
bereiteten den Boden für den 1994
gegründeten Jazz-Studiengang an
der Musik-hochschule.
Dieser hat nachhaltig
die heutige Mannheimer
Jazzszene geprägt. Mit
einem Mal gab es eine
ganze Schar technisch
versierter junger Musiker.
Die von dem Saxofonisten
und Gründungsprofessor
Jürgen Seefelder geleitete
Big Band der
Hochschule wurde zu
einem Sammelbecken
von Talenten.
Der zurzeit erfolgreichste Absolvent ist der Trompeter Thomas Siffl ing. Seine Verbindung
von traditioneller Improvisationskunst und elektronischen Klangexperimenten machte
ihn bundesweit bekannt. Nicht minder erfolgreich ist die Pianistin Anke Helfrich, die
viel beachtete Alben mit US-Stars wie Mark Turner und Roy Hargrove einspielte.
Ruhm, in Gestalt des Deutschen Schallplattenpreises, erntete auch die Band L 14,16.
Altsaxofonist Olaf Schönborn, Gitarrist Christian Eckert und die junge Sängerin Sarah
Lipfert verdeutlichen die ganze Breite des Jazzschaffens in Mannheim.
Die Sängerin Silke Hauck bahnte sich ihren Weg von der Rockmusik hin zum
Jazz, ebenso wie die Straßenkapelle Coleümes, die Pop-Jazz-Marching
Band Mardi Gras.bb und Kosho, hauptamtlich Gitarrist bei den Söhnen
Mannheims. Die Jazz Pistols schließen mit ihrer Fusionmusik den Kreis
zwischen der Jazztradition und der Rockszene. Einst verfeindete Lager,
markieren beide nun zwei Seiten einer musikalisch hochaktiven Stadt.